Never bite the hand that feeds you.

Der folgende Text ist in einem Stück in den 6 Stunden unmittelbar nach dem Geschehen in der letzten Zeile entstanden. Er ist lang, aber nicht vollständig. Manche Ereignisse fehlen, weswegen er vielleicht nicht komplett schlüssig ist, aber alles was hier steht ist so passiert. Sollte jemand mein Verhalten nicht nachvollziehen können, egal in welche Richtung: Ich kann es selber nicht. Aber ich weiß, warum ich mich so entschlossen habe. Dieser Text soll niemanden anprangern, deswegen habe ich auf Namen verzichtet. Er soll als Gedankenstütze für mich selber dienen, und als Erklärung für denjenigen, um den es geht.

Ich hatte wirklich gedacht, ich könnte ihm helfen.

Heilige Scheisse, was wurde ich gefickt. Nach allen Regeln der Kunst, balls-deep. Ich hab mich gebückt und es einfach geschehen lassen. Aber wenigstens hatte ich ein Vorspiel um mich darauf vorzubereiten, also will ich mich nicht beschweren!

Zu diesem seltenen Ereignis kam es durch die gegenseitige Anziehung zwischen zwei Menschen aus meinem näheren Bekanntenkreis. Die Anziehung der Beiden wurde irgenwann so stark, dass man beschloß, zusammen in ihre (des weiblichen Teils) Wohnung zu ziehen – nach ungefähr zwei Monaten! Alle Warnungen von verschiedenen Seiten, gegen dieses doch etwas überstürtzte Vorhaben, wurden von ihm ignoriert, da sie ja absolut unbegründet seien; er zog in ihre Wohnung ein. Den genauen Zeitpunkt kenne ich nicht, da er an Sylvester den Kontakt zu mir abgebrochen hatte. Im Februar kam dann plötzlich wieder ein Lebenszeichen von ihm, ob wir uns nicht mal auf ein Bier treffen wollten.

Wir saßen in der Bar, redeten über alles was so passiert war in den letzten Wochen, und kamen irgendwann auf ihre Beziehung zu sprechen. Es liefe wohl nicht mehr so gut, aber sie würden das schon wieder in den Griff bekommen… Hatte ja alles so super angefangen und ausserdem würden sie sich ja eigentlich auch bestens verstehen. Wäre vielleicht doch etwas vorschnell gewesen, direkt gemeinsam in eine Wohnung zu ziehen.

I hate to say i told you so … but i told you so.

Es folgten ein paar weitere Kontakte zu ihm in unregelmäßigen Abständen, wir waren irgendwann sogar wieder zusammen longboarden, aber jedesmal beschränkte sich die Aussage über den Status Quo ihrer Beziehung auf das bekannte “Nicht so gut im Moment, aber das wird schon wieder, wir geben uns Mühe!”. Schön zu hören.

Denn dann kam der Anfang vom Ende. Sie rief mich letzten Donnerstag abends an und bat mich sehr eindringlich, dass ich ihn anrufen solle, sie könne nicht mehr. Beim ersten Versuch drückte er mich weg, rief aber später zurück und fragte, ob ich ihn abholen würde. Auf dem Weg zurück zu meiner Wohnung sagte er dann, dass er die Beziehung jetzt endgültig in den Sand gesetzt habe, keine Chance mehr da irgendwas wieder aufzubauen. Da ich so ziemlich der Einzige war, den er als seinen Freund bezeichnete (und was aus meiner Perspektive auch zutraf), lies ich ihn natürlich bei mir übernachten und gab ihm meinen Zweitschlüssel der Wohnung, damit er am nächsten Tag nach der Arbeit einen Ort hatte, wohin er zurückkehren konnte.

Der Abend war relativ entspannt, wir haben zur Ablenkung etwas auf der Xbox 360 gespielt, und er wirkte, als ob nicht gewesen wäre. Irgendwann hab ich mich an meinen Computer gesetzt um noch ein paar Sachen zu erledigen und ihn weiter zocken lassen. Erst als die Stimme der Sprecherin von Gears of War zur Spielfigur sagte: “Marcus, ist alles okay? Ich empfange keine Signale von dir!”, weil dieser eine gewisse Zeit lang nicht bewegt worden war, bemerkte ich, dass er wohl grade einen emotionalen Rückfall hatte. Doch dann stand er auf, zog sich an, nahm sein Longboard und ging zur Tür hinaus. Aber nicht ohne vorher noch den Zweitschlüssel der Wohnung vor mir hinzulegen. Meine einzige Reaktion darauf war “Mach nicht noch mehr Fehler”. Aber wieder hörte er nicht auf mich.

Ich rief irgendwann seine (mittlerweile) Ex-Freundin an und erklärte kurz was geschehen war, dass ich keine Ahnung hätte wo er hin ist, aber dass sie sich melden solle, wenn sie irgendwas von ihm hört. Kurz darauf rief sie an und fragte, ob sie kurz vorbeikommen könne, weil sie grade sowieso in der Nähe wäre. Und dann erfuhr ich, wie zwischen ihnen die letzten Woche wirklich gewesen waren. Nichts beängstigendes, aber definitiv wesentlich unharmonischer als es mir bis dahin beschrieben worden war. Wir verabschiedeten uns nach ein paar Minuten wieder, es wäre für die allgemeine Stimmung garantiert nicht zuträglich, wenn er plötzlich wieder bei mir auftauchen und sie hier treffen würde. So im Nachhinein gesehen waren wir dann doch etwas naiv, was die Stimmung für den weiteren Verlauf des Abends angehen sollte.

Sie rief in Tränen aufgelöst an. Als sie in ihrer Wohnung ankam, war er auch schon da. Mit aufgeschnittenen Armen.

Wer ihn im Sommer mit T-Shirt sah, der bemerkte auch ohne große Anstrengung die vielen Schnitt- und Brand-Narben auf seinem gesamten Arm. Wir hatten nie darüber geredet, weil ich nicht in seiner offensichtlich schweren Vergangenheit rumwühlen wollte, vor allem auch weil man erkennen konnte, das diese Vergangenheit schon länger zurückliegen musste. Aber diese Vergangenheit hatte ihn wohl wieder eingeholt.

Ich besprach mit ihr, was sie jetzt machen solle. Sie war aus ihrer Wohnung erstmal zu jemand anderem geflüchtet. Mein Vorschlag war die Polizei zu benachrichtigen, in der Hoffnung, dass die ihn wenigstes erstmal auf den Boden der Tatsachen zurückholen würden. Sie war nicht begeistert davon, aber hielt es auch für die beste Lösung. Nach ein paar Telefonaten hin und her zwischen mir, ihr und unserem Freund und Helfer (und einem neuen Schloss für ihre Wohnungstür) wurde schließlich für sie Entwarnung gegeben, er war nicht mehr in der Wohnung, aber man würde nach ihm Ausschau halten.

Für’s erste hatte ich jetzt die Schnauze voll, und zwar Oberkante Unterlippe. Norman hatte vorgeschlagen ins Knaack zu fahren, und das war genau die willkommene Ablenkung, die ich jetzt gebrauchen konnte. Ausserdem hatte ich nicht die geringste Lust darauf, dass plötzlich ein gewisser Jemand bei mir vor der Tür steht.

Ich hatte wie immer mein Handy im Auto gelassen, die Anzahl der Anrufe in Abwesenheit im mittleren zweistelligen Bereich kündigten das Unheil bereits an. Er lag auf seinem Longboard vor meiner Tür und wachte auf, als wir in den Hausflur kamen. Gekonnt spielte er seine Rolle, als ob nichts gewesen wäre, aber ich machte ihm klar, dass ich nach dieser Aktion absolut nicht daran denken würde, ihn nochmal bei mir übernachten zu lassen. Tür zu.

Ich ignorierte sein Klopfen. Dann musste ich die Klingel ausschalten. Dann rief er durch die Tür, dass er wenigsten sein Sachen haben wolle, die wir am Vortag aus der Wohnung schon mitgenommen hatten. Ich packte alles in seine Tasche, öffnete die Tür und stellte es ihm vor die Füße. “Brauchst du sonst noch was?” “Ich brauche Hilfe.”

Ich weiß nicht heute nicht, warum ich es getan habe, aber ich habe ihn wieder reingelassen. Dann folgte die Aufklärung meinerseits, dass ich mit seiner Ex-Freundin geredet habe, über alles Bescheid weiß und jetzt auch die andere Seite der Geschichte kenne, dass er keineswegs das Opfer ist, als das er sich immer dargestellt hat. Genug für den Abend, ich bin nur noch ins Bett gefallen.

Neuer Tag, neues Unglück. Da Norman auch bei mir gepennt hatte, und sein Auto aufgrund der Parkplatzsituation ein paar Strassen weiter stand, habe ich ihn (Norman) nach einem Kaffee & Kippen-Frühstück dort hingefahren. Ich war keine 5 Minuten weg. Als ich wieder in meine Wohnung kam, stand er in der Küche. Mit einem Küchen-Messer.

Ich weiß nicht, wann ich dass letzte Mal jemanden so angebrüllt habe. Raus. Messer hinlegen, und dann raus. Raus aus der Küche. Da er aber nur am Heulen war und anscheinend keine (noch) frischeren Schnitte hatte, war spätestens jetzt eins klar: die List der Selbstverstümmelung, um Mitleid zu erregen. Nicht mit mir. Du willst Mitleid? Du bekommst noch nicht mal Verständnis.

Aber zum zweiten Mal konnte ich ihn nicht vor die Tür setzten. Er hatte gewonnen. Es folgte ein längeres Gespräch, oder eher ein Monolog von meiner Seite, was er damit zu bezwecken versucht. Seine Probleme würden durch sein Verhalten ganz bestimmt nicht weniger, und Probleme habe er sowieso schon mehr als genug. Wo er denn anzufangen gedenke, um endlich mal wieder zumindest einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Ob er wirklich gedacht hätte, dass er mit dieser Inszenierung irgendwas an seiner sowieso nicht mehr existenten Beziehung retten zu können. Er hatte mir zugehört, aber ich würde erst später feststellen, dass er es immer noch nicht verstanden hatte.

Irgendwo mussten wir anfangen, und ich sage “wir”, weil sich zeigte, dass er es alleine noch nicht mal versuchen würde. Mein Vorschlag war, dass er als Erstes zumindest versuchen sollte, mit seinen Eltern über seine Situation zu reden. Sein Verhältnis zu ihnen war angespannt, aber wenn er es bei mir geschafft hat, dann sollte er es bei seiner eigenen Familie wohl auch schaffen. Nichts fordern oder verlangen, nur mit ihnen reden. Wenn sie ihm ihre Hilfe anbieten, umso besser. Bevor ich ihn dort hinfuhr, gab ich ihm mit den Worten “Deine gottverdammte, letzte Chance!” zum zweiten Mal meinen Ersatz-Wohnungsschlüssel.

Ob er noch bei mir übernachten dürfe? Ja… Heute, ja.
Ob wir noch Freunde wären? Ich mache im Moment dass, was ein Freund machen würde. Ich weiß es nicht.

Als er nachmittags zurück kam, hatte er zwar nichts erreichen können, aber er meinte zumindest, dass er sich schon etwas besser fühle. Da das Gespräch aber im Endeffekt zu nichts geführt hatte brauchte er immernoch eine Unterkunft. Dann suchen wir dir jetzt ne WG. Habe er schon gemacht, aber da wäre nichts Brauchbares dabei gewesen … ??? Nach einer Viertelstunde Surfen hatten wir dann doch eine nette Menge an sehr wohl brauchbaren Angeboten, die er sich leisten konnte. Er telefonierte mit ein paar und schrieb Emails, und schon hatte er für den nächsten Tag die ersten Besichtigungs-Termine.

Ich beschloß für mich eine ganz simple Sache. Er darf für die Zeit seiner WG-Suche bei mir wohnen. Ein Fehler, und das war’s für ihn. Raus aus meiner Wohnung, raus aus meinem Leben. Ich musste einfach aufhören, ihm immer und immer wieder neue Chancen zu geben, die er dann verspielen konnte wie er wollte und somit einfach so weiterzumachen wie bisher. Ich hoffte für ihn, dass er seine Situation mittlerweile verstanden hatte, und mich nicht dazu zwingen würde, ihm meinen Pakt mit mir selbst zu offenbaren.

Als ich am nächsten Tag (Sonntag) aufwachte, war er schon unterwegs zu seinen ersten WG-Besichtigungen. Ich hatte ein gutes Gefühl. Er kam Nachmittags mal kurz rein, aber verschwand auch schnell wieder für die nächsten Termine. Später am Abend hatte er dann für den Tag alles durch und erzählte wie es so war, ein paar vielversprechende WGs seien auch dabei gewesen, womit er aber teilweise auch die Bewohnerinnen meinte. Fehler! Okay, es spricht ja nichts dagegen mit attraktiven Leuten zusammen zu wohnen, aber er sollte vorsichtig sein, warum weiß er ja hoffentlich selber.

Dienstags meldete sich seine Favoriten-WG, dass er einziehen könnte, wenn er noch will, schon am nächsten Samstag. Klang gut für, das Ziel der Resozialisierung ist in Sicht. Der Rest der Woche war relativ unspektakulär, Donnerstags traf er sich mit den zwei Damen der WG auf ein paar Bierchen, um sich mal kennenzulernen, und Freitags trafen wir uns mit einer der Beiden im Knaack, da sie glücklicherweise einen für dort passenden Musikgeschmack hat. Aber nach dem Knaack, wieder zuhause, seine letzte Nacht in meiner Wohnung, trieb folgende Aussage von ihm meine Fehler!-Skala in den orangen Bereich: “Die meinte, dass sie mich attraktiv findet. Mal sehen, in welchem Bett ich dann morgen schlafe…”.

Damit wir uns jetzt nicht falsch verstehen, diese Aussage an sich ist total legitim und sorgt bei uns Männern auch gerne für ein kollegiales High-Five – aber nicht, wenn sie von jemandem kommt, der nur eine Woche zuvor sein komplettes Leben das Klo runtergespült hat, wegen genau dieser Frau-Wohnung-Situation.

Da es auf meiner Skala nur für ein saftiges Orange gereicht hat, habe ich ihm zum wiederholten Male (siehe oben) meine Meinung darüber gesagt. Er machte den Anschein, als ob er meine Worte akkustisch vernommen hätte.

Der große Tag steht vor der Tür, heute ist der Umzug seines kompletten Hab und Gutes aus der Wohnung seiner Ex-Freundin in die neue WG. Die eine Hälfte des Nachmittags haben wir zwei alleine damit verbracht, alles aus dem dritten Stock im Hinterhaus in seinen geliehenen Firmen-Sprinter zu verladen, die andere Hälfte des Nachmittags halfen uns seine beiden neuen WG-Bewohnerinnen dann alles bei ihnen in den dritten Stock zu tragen.

Ich habe nicht gezählt, wie oft ich mich auf der Treppe gefragt habe, warum ich das überhaupt mache. Körperliche Arbeit regt das Denken an, und das war heute ne ziemliche Schufterei.

Zur Freizeitgestaltung war der gemeinsame Plan heute wieder das Werk9. Nachdem Norman und ich noch vorher auf einer nicht weiter zu erwähnenden Party waren, trafen wir gegen 1 Uhr auch im Werk9 ein. Er und die gewisse Mitbewohnerin waren schon da und verstanden sich offensichtlich wunderbar. Na wunderbar. Der Abend plätscherte so vor sich hin, alles ganz angenehm. Bis er mir dann ungefähr folgendes mit seinem breitesten Grinsen mitteilte: “Sie hat gesagt, dass sie sexuell frustriert ist!”.

Fehler. Skala: Blutrot.

Trotzdem habe ich ihm ein allerletztes Mal meine Meinung gesagt, was ihn aber nicht davon abgehalten hat, kurz darauf mit ihr für eine halbe Stunde nach draussen zu verschwinden. Vielleicht hab ich mir ja nur was eingebildet, und die beiden wollten draussen nur etwas frische Luft schnappen…

Aus Fehlern lernt man – die einen mehr, die anderen weniger, und manche garnicht.